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Tobias Ruff: Stadtrat und OB-Kandidat der ödp München

„Respekt vor der Natur“ – Tobias Ruff

Interview von Stephan Paul Stuemer, Foto: Hartmut Keitel

Wie erleben Sie die Isar, mit dem Auto, dem Rad und zu Fuß? Was verbinden Sie als Herzenssache mit der Isar und wie erleben Sie das? Welche Dinge sind hieraus aus Ihrer Sicht besonders schützenswert?

Mit einer Mischung aus Rad und zu Fuß gehen. An der Isar bin ich am liebsten mit meinen Kindern unterwegs. Kinder haben einen ganz anderen Blick auf Details als Erwachsene. Statt der großen Zusammenhänge stehen Schneckenhäuschen, Köcherfliegenlarven und schöne Steinchen im Vordergrund. Wenn es am Wochenende Fisch geben soll, habe ich eine Angel dabei. Die Isar ist ein stark ausgebauter Fluss. Besonders schützenswert sind die Bereiche, wo sich die Natur etwas zurückholt. Ein ins Wasser gestürzter Baum, kleine Ausbuchtungen in der Uferverbauung, hier halten sich Jungfische, Ringelnattern und Wasseramseln auf.

 

Sie arbeiten beim Bezirk Oberbayern, was machen Sie da genau? In welchem Projekt stecken Sie aktuell in dem Münchner Gewässer eine wesentliche Rolle spielen?

Ich bin Gewässerökologe bei der Fachberatung für Fischerei. Dort erhebe ich Fischbestände um den Zustand der Gewässer und der Lebensgemeinschaften zu beurteilen. Darauf aufbauend entwickle ich in Zusammenarbeit mit dem Institut für Fischerei und dem Landesamt für Umwelt Maßnahmen für die Renaturierung von Gewässern. Für europarechtlich geschützte Fischarten, wie Huchen, Koppe, Streber und Bitterling schreibe ich Managementpläne. Bei Wasserrechtverfahren tritt der Bezirk Oberbayern als Anwalt der Fische und der Fischerei auf. Momentan bin ich in Verfahren zur Offenlegung des Hachinger Baches, der Entschlammung des Kleinhesseloher Sees, dem Bau eines Gaskraftwerkes in Thalkirchen und einer Surfwelle an der Würm involviert. Ohne unseren Einsatz würden häufig kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen.

 

Wo ist Ihr Lieblingsort an der Isar? Wenn Sie sich vorstellen, jetzt genau dort zu stehen, die Augen zu schließen und dennoch zu sehen. Was wünschen Sie sich für das zukünftige Isar-Land-und Stadtbild?

Eine der schönsten Plätze für mich ist die St. Emmeransbrücke. Hier hat man einen Blick nach Süden von den erst kürzlich neu gestalteten Steininseln über das historische Oberföhringer Wehr bis zu Zugspitze im Hintergrund. Im Frühjahr laichen hier immer noch die Nasen, eine mittlerweile stark bedrohte Fischart.
Ich wünsche mir an der Isar weniger Müll, weniger Partys, keine kommerziellen Veranstaltungen, stattdessen Ruhe und Naturgenuss. München hat seinen Anfang an der Isar genommen, in einer immer hektischeren Zeit und einem Leben, das sich immer mehr im virtuellen Raum abspielt ist es wichtig, dass man sich ab und zu seiner Wurzeln besinnt.

 

Braucht es an der Isar in München auch ein Mehr an Kultur- und Kunstraum? Der Gasteig baut ja nun direkt am Kanal, also am Wasser. Eine Nachnutzung für freischaffende Künstler wird diskutiert. Geht hier vielleicht etwas verloren, z.B. Uferschutz, den München ja genau mit der Renaturierung polarisiert hat?

Die Isar ist immer noch ein Wildfluss mit zum Teil extremen Hochwassern. Das macht Kunst und Kultur im Hochwasserbett schwierig. Die Kanäle und Stadtbäche sind hingegen von Menschen geschaffen und ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte. Die Ufer dieser Gewässerläufe sind natürlich auch für andere Nutzungsformen wie z.B. Wohnen hoch attraktiv. Dennoch wäre es richtig hier Freiräume für Kunst und Kultur zu erhalten und zu schaffen. Die Nachnutzung der Interimsbauten des Gasteigs ist schon aus ökologischer Sicht geboten.

 



 

Die sommerliche Partykultur an der Isar nimmt im Übermaß verheerende Zustände an. Das kann man sehen, z.B. an früheren Aktionen von Hartmut Keitel oder den Zahlen der Abfallwirtschaft der Stadt München. Was braucht die Stadt München, was verträgt die Umwelt? Wie und mit welchen Mitteln ist eine stimmige Dauerlösung machbar? Müssen wir uns dabei einschränken?

Wir, die wir dieses Interview führen und unsere Leserinnen und Leser müssen sich nicht einschränken. Denn für uns ist die Isar ein wertvolles Stück Heimat, das wir bewahren wollen, für das wir uns verantwortlich fühlen. Für die Partygesellschafft ist die Flusslandschafft hingegen nicht mehr als eine kostenlose Kulisse. Teile dieser Leute kann man mit Aktionen wie „Deine Isar“ von Hartmut Keitel erreichen. Für die anderen braucht es Regeln und soziale Kontrolle. Mir schwebt zum Beispiel vor, dass man künftig an der Isar nur noch an wenigen Gemeinschaftsgrills grillen darf. Wenn die Entwicklung so weitergeht muss man drastischere Mittel in Erwägung ziehen, z.B. das Verbot von Glasflaschen, wie es der Landkreis Bad Tölz Wolfratshausen durchgesetzt hat.

 

Kann man Ihrer Meinung nach das Wasser der Isar in der Stadt noch besser bzw. anders nutzen? Ein vieldiskutiertes freies, offenes Isarflussbad? Andere Städte, wie Zürich machen es uns doch vor, oder?

Das Flussbad in Zürich liegt an einem warmen Seeauslauf, der kaum Hochwasser und Treibgut führt. Die Isar hingegen ist ein kühler alpiner Wildfluss mit wechselnder Wasserqualität. An der anvisierten Stelle in der großen Isar ist die Strömung einfach zu stark und es gibt eine Reihe von Wehren, eine Wasserkraftanlage und die unterirdische Abzweigung in den Eisbach. Alles viel zu gefährlich. Sinnvoller ist es die Renaturierung der Isar im Münchner Norden fortzuführen. Entlang des Englischen Gartens sollte die Uferverbauung entnommen werden, so dass die Ufer zugänglich für Besucher sind. So kann der Druck auf die innerstädtischen Bereiche etwas genommen werden und die Isar hier gleichzeitig eine naturnähere Gestalt annehmen.

 

Wie definieren Sie den Begriff „Smart City“, was gehört dazu und ist dieser in unserer momentanen gesellschaftlichen Vorstellung ökologisch genug? Gibt es ein „ökologisch genug“ überhaupt?

Ideen wie „Smart City“ aber auch Schlagworte wie „Green Economy“ sind zunächst sympathisch. Unsere Gesellschafft muss Ressourcen, Zeit, Rohstoffe, Energie etc. effizienter einsetzen um Soziale- und Umweltauswirkungen zu begrenzen. Allerdings hat die Geschichte gezeigt, dass Effizienzgewinne immer in zusätzliches Wachstum münden. Die Wirtschaft und unsere Gesellschafft wurden keineswegs ökologischer. Insofern kann von „ökologisch genug“ nicht die Rede sein. Die gesteckten Ziele, eine Kreislaufwirtschaft, maximal 2 C° Erderwärmung durch weniger als 2 t CO² pro Kopf, Stopp des Artensterbens, Begrenzung des Flächenverbrauchs usw. müssen wir erreichen, wenn wir unsere Lebensgrundlagen erhalten wollen. Dafür ist aber eine Abkehr vom Wachstumsdogma notwendig. Plakative Begriffe halten uns eher davon ab, unseren Lebenswandel grundlegend zu überdenken.

 

Ökostrom ist teurer als Strom aus Kohle. Für viele Mieter, wie Rentner, Künstler, Alleinerziehende oder dem kleinen Pizzabäcker um die Ecke ist Strom aus erneuerbaren Energien nicht bezahlbar. Fossile und Grüne Energien kommen doch ohnehin aus der selben Steckdose. Wie muss die Zukunft für alle aussehen?

Kohlestrom ist teilweise noch billiger als Ökostrom, da er in alten abgeschriebenen aber hoch subventionierten Anlagen erzeugt wird. Die Umweltfolgekosten trägt Allgemeinheit, also ebenfalls Rentner, Künstler alleinerziehende usw.. Solar- und Windstrom ist mit unter 10 Cent pro Kilowattstunde längst konkurrenzfähig. Teuer wird der Strom erst durch die Übertragungsnetze, Abgaben und Steuern. Wir brauchen deshalb eine Offensive, um auf Münchens Dächern am Fiskus vorbei unseren eigenen Strom zu erzeugen und zu nutzen.

 

Feinstaub – eine Ursache ist der unterschätzte Abrieb unserer Autoreifen. Kein Thema der ödp München? Wie kann man hier das Bewusstsein der Menschen im Isarraum fördern? Gibt es einen Bezug zum Abwasser, welches ungewollt und ungeklärt in die Isar gelangt?

Die ÖDP setzt sich seit vielen Jahren für eine Verkehrswende ein. Wir müssen den Öffentlichen Raum umverteilen, weg vom Auto hin zu Öffentlichen Nahverkehr, Rad und auch hin zu mehr Platz für Fußgänger. Reifenabrieb und Feinstaub können wir nur so in den Griff bekommen. Der Reifenabrieb gelangt über den Regen größtenteils in die Abwasserkanäle. Ist das Kanalsystem überlastet kommt er zusammen mit dem häuslichen und industriellen Schmutzwasser ungeklärt in die Isar.

 

Abwasser, eines Ihrer Themen. Mit Güteklasse II gilt die Isar als „mäßig belastet“ und ist damit zum Baden bedenkenlos geeignet. Sie geben an, eine Verschmutzung der Isar erfolgt aufgrund von Zulauf bei starkem Regen. Wie geschieht das, München hat doch extra 13 riesige Rückhaltebecken für Abwasser installiert?

Die Güteklasse gibt an welche Belastung ein Gewässer mit organischen und anorganischen Nährstoffen aufweist. Sie sagt nichts über die Belastung des Wassers mit gesundheitsgefährdeten Keimen aus. An Badegewässern z.B. den Baggerseen muss deshalb zusätzlich die Keimbelastung regelmäßig gemessen werden. Die Isar ist aber nicht als Badegewässer ausgewiesen. Wer aufmerksam an der Isar entlang wandert wird in den Büschen am Ufer Plastikfetzen, Toilettenpapier und andere Hygieneartikel finden. Denn der Stauraum zur Rückhaltung von Abwasser konzentriert sich auf den Münchner Westen. Rechts der Isar kann das Abwasser kaum zurückgehalten werden und muss um Überschwemmungen zu vermeiden in die Isar eingeleitet werden. An manchen der sog. Regenauslässe gescheit das fast 40 Mal im Jahr. Gehen Sie deshalb nach einem Gewitter lieber nicht in die Isar zum Baden.

 

Mikroplastik – eine derzeit stetig wachsende und latente Lebensgefahr für unsere Erde. Die von Ihnen angebenden Messwerte sind erschreckend! So soll es bei Deggendorf einen Wert von 150 Partikeln pro Kubikmeter geben, dieser ist neben zwei anderen Standorten in Deutschland der höchste Wert. Hat München hier eine Analysenforschung, woher stammt diese Umweltzerstörung und wie wollen Sie die Verantwortung als Oberbürgermeister übernehmen, für alle Lebensformen, die dieses Isarwasser nach uns nutzen, an der Donau, im Schwarzen Meer, im Mittelmeer, Atlantischer Ozean…?

In einer gemeinsamen Studie der Universität Bayreuth mit mehreren Landesämtern für Umwelt wurden stark überhöhte Werte an Mikroplastik gemessen. Die Messstelle in Deggendorf ist die erste, die den gesamten Abwasserstrom Münchens erfasst. Angesichts der Entfernung von München und der hohen Verdünnung in der Donau muss München als eine der größten Mikroplastikquellen Deutschlands angesehen werden. München betreibt bisher keine Ursachenforschung. Allerdings konnten wir im Nachgang zu unserem erfolgreichen Volksbegehren Rettet die Bienen am Runden Tischen Artenvielfalt der Staatsregierung durchsetzen, dass die Eintragswege von Mikroplastik in Gewässer besser erforscht werden und Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Als Oberbürgermeister würde ich mich dafür einsetzen, dass unser Kanalsystem saniert und an die gewachsene Einwohnerzahl angepasst wird. Die Versiegelung von Flächen muss gestoppt werden.

 



 

Grüner Fleck Hellabrunn. Hier wurden im oberen Bereich des Tierparks, Isaraufwärts, nun Flächen, die ausschließlich von Tieren genutzt worden sind, stark mit neuen Gebäuden bebaut. So wurde u.a. mit Biergärten und Shops kräftig aufgestockt und damit ufernah schlichtweg Grund versiegelt. Muss München hierfür nicht zudem Ausgleichsflächen sicherstellen?

Ausgleichflächen müssen von Gesetzes wegen im gleichen Naturraum geschaffen werden. In München bedeutet das häufig, dass Eingriffe an der Isar irgendwo anders in der Schotterebene, z.B. im Rahmen eines Ökokontos in Langwied ausgeglichen werden. Die Auwaldreste im Umgriff des Tierparks gelten als ein Lebensraumtyp von europaweiter Bedeutung. Eingriffe in den Baumbestand müssen deshalb unterbleiben. Die Ufer des Auermühlbachs innerhalb des Tierparks sollten überall dort wo möglich naturnah gestaltet werden.

 

Welche beispielhaften und adaptierbaren Lösungsmodelle anderer Gemeinden kennen Sie, welches Sie als Stadtrat hier im Isarraum München auch gern umgesetzt sehen würden?

München ist mit seiner Isarrenaturierung innerhalb der Millionenstadt weltweites Vorbild. Allerdings haben einige Gemeinden inzwischen nachgezogen und trauen sich auch aufgrund der positiven Erfahrungen in München mehr zu. An der Wertach in Augsburg wurde z.B. wesentlich mehr Totholz eingebracht mit sehr positiven Wirkungen auf das dortige Ökosystem. In Kalifornien geht man wesentlich schärfer gegen das Hinterlassen von Müll vor, mit durchschlagendem Erfolg. Als Oberbürgermeister würde ich mir deshalb überall die besten Ideen abschauen.

 

Kurze FRAGE – Schnelle ANTWORT:

Welche Autos fahren Sie?
Ich habe kein eigenes Auto mehr. Meinen Dienstwagen, einen Subaru darf ich aber privat nutzen.

Welchen Strom nutzen Sie zu Hause, im Büro? Würden Sie wechseln?
Zu Hause habe ich ein Photovoltaikanlage. Der Bezirk Oberbayern bezieht Ökostrom. Nein.

Sie kochen Bio-Eier? Was machen Sie mit dem Wasser danach?
Ich habe eigene Hühner im Garten. Gebrauchtes Wasser wird zum Gießen verwendet.

 


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