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Das Oktoberfest – ein weltweites Phänomen

Ein Beitrag von Luitpold Prinz von Bayern.

Selbst in den entlegensten Orten der Welt feiert die Deutsche Community „Oktoberfeste“, meist als eine Art pseudobayerischer Karneval in chinesischen, etwas zu engen Dirndln und Lederhosen, mit viel Bier und vor allem stehend auf Tischen und Bänken.

Was ist das Oktoberfest? – Ein Pendant zum Fasching, also ein Sommeraustreiber?
Ein ausgelassenes Erntedankfest? Oder wird vielleicht das Bier heiliggesprochen?

Nein, eigentlich hatte das Oktoberfest einen völlig anderen Hintergrund: Die Hochzeit des Bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen wurde zum Anlass genommen, ein nationales Fest abzuhalten.

Bayern war nach den napoleonischen Kriegen in neuen Grenzen.
Franken und Schwaben mussten im wiedervereinigten Bayern/Pfalz integriert werden, daher war gemeinsames Feiern mit dem zukünftigen Herrscher (König Ludwig I) ein perfekter Anlass.

Es wurde ein großes Pferderennen auf der großen Wiese, nach der Braut „Theresienwiese“ genannt, abgehalten.
Auf zeitgenössischen Bildern ist gut zu erkennen, dass einzig das Brautpaar mit einer kleinen Gruppe in einem Zelt am Start und Ziel dieses Rennens untergebracht waren.
Die Bürger standen rund um den Rennplatz und der Schwantalerhöhe.

Selbstverständlich nahmen Gastronomen diese Gelegenheit war, auch zu bewirten, allerdings anfangs nur als Nebensache.
Interessant ist, dass das erste Wiesnzelt aus den Beständen des bayerischen Armeemuseums geholt wurde.
Es war das von Kurfürst Max Emanuel erbeutete Zelt des türkischen Feldherren Kara Mustafa.
An der Spitze ist der türkische Halbmond noch gut zu erkennen.

Das Pferderennen bei der Vermählungsfeier seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen Ludwig von Baiern. Veranstaltet am 17. Oktober 1810 auf der Theresenswiese. (www.kaltenberg.com)

Es war wohl von König Max von Anfang an geplant, dieses Fest jährlich zu wiederholen und zu einem veritablen Nationalfest auszubauen.
Daher wurde auch als weiterer Baustein in der Folge ein größerer Wettbewerb der Schützengesellschaften sowie das für Bayern als Agrarstaat wichtige Zentrallandwirtschaftsfest eingeführt.
Das Königshaus nahm regelmäßig an diesen Festlichkeiten teil.

Festzug zum 25. Wiesnjubiläum mit König Ludwig I in der roten Jacke. (www.kaltenberg.com)

Bier spielte in Bayern immer eine bedeutende Rolle zur Versorgung der Gäste, war aber bei diesem bayerischen Nationalfest nicht auf Münchener Bier beschränkt.
So lieferten einige Brauereien entlang der Isar auf Flößen Bier nach München, z.b. aus Tölz und Groß Hesselohe.
Es war also keine Domaine der Münchner Brauereien. Die Wahl des Bieres bestimmten die Wirte.

Da viele Münchner Brauereien auch einige Biergärten und Gaststätten betrieben, bemühten sie sich natürlich nach bestem Können um rentable Stellplätze.

Wo viel Publikum zu finden ist, zieht es naturgemäß auch Schaustellereien an, viele davon wurden legendär, etwa eine Schaubude mit Karl Valentin und Berthold Brecht als gemeinsame Betreiber.

Nach dem ersten Weltkrieg fehlten der Stadt München die Mittel, das Oktoberfest durchzuführen. Da traten die Münchner Brauereien als Retter ihrer Pfründe auf und sicherten die Finanzierung ab.
Seit dieser Zeit gewährt die Stadt München der im Verein „Münchner Brauereien“ organisierten Brauerei ein Alleinlieferungsrecht und schließt damit den Wettbewerb aus.
Durch Fusionen und Aufkäufe sind es heute nur noch 4 Unternehmen, nur die alten Marken wie Hacker, Paulaner, Pschorr, Hofbräuhaus, Augustiner, Spatenbräu, Löwenbräu, Thomasbräu, Leistbräu etc erinnern noch an die ehemalige Vielfalt.

Bei allen anderen Produkten, sei es Wurst, Brot, Sekt, Wein oder Schokolade, kann im Prinzip jeder liefern. Selbst Wirte kommen von auswärts.

Das Oktoberfest hat Erfolg:

Es ist das größte Volksfest der Welt (vor allem für Touristen).
Aber ist es noch ein Fest fürs Volk? Für das Bayerische Volk jedenfalls nur bedingt. Die Preise für Bier und Speisen liegen um etwa 35 % über dem Schnitt bayerischer Volksfeste, die Fahrt mit dem zweifellos hochmodernen Fahrgeschäften sind für einheimische Familien kaum bezahlbar, und eine gemütliche Maß im Zelt ist einem vorbestellten Schichtbetrieb gewichen. Dafür gibt es dröhnende Schlagermusik und engstes Gedränge.

In den letzten Jahren kam ein überraschender Trend:
Die Tracht wurde wieder entdeckt, allerdings ähnelt sie etwas einem bajuwarischen Karneval.
Rund um die Wiesn werden chinesische Lederhosen und etwas zu kurze enge Dirndl zum Billigstpreis verkauft und verliehen (teils von Karnevalfachanbietern).
Die Hüte sind ein besonders beeindruckendes Beispiel für das Bayernbild der Anbieter. Filzbierfässer mit Plüschzapfhahn und Schlimmeres als Alternative von Laptop und Lederhose, wie uns die Regierung sehen möchte.

Inzwischen feiert man nicht mehr nur noch auf der Wiesn. Das Konzept läuft weltweit bis nach China.

Auf der Wiesn ist nun ein kleines, neues Reservat für die Urbevölkerung entstanden:
Die Oide Wiesn – allerdings mit Eintritt, sozusagen als Zoo, zum Bestaunen der Bayern. Und der Wirtschaftsausschuss der Stadt München ist stolz aufs Erreichte.