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Katrin Habenschaden: OB-Kandidatin der Grünen München

„Zukunft braucht Mut“ – Katrin Habenschaden

Interview von Stephan Paul Stuemer, Fotos: Andreas Gregor

Was bedeutet für Sie persönlich Grün an der Isar zu sein? Wie steht es um die Natur im Isarraum? Wo braucht der Fluss aus Ihrer Sicht aktuell besondere Aufmerksamkeit, was ist unbedingt schützenswert? Haben Sie eine Isar-Lieblingsstelle?

Die Isarinsel am Müller’schen Volksbad ist meine Lieblingsstelle, hier komme ich zur Ruhe, kann gut nachdenken und die Akkus aufladen. Das Münchner Lebensgefühl lässt sich nirgends so gut erleben wie an der Isar. Für den pflegsamen Umgang mit dieser Kulturlandschaft wollen wir die Münchner/innen und ihre Gäste in die gemeinsame Verantwortung nehmen. So kann der Isar-Raum als einer der Lieblingsplätze der Münchner/innen und ihrer Gäste erhalten werden. Wir planen eine Kampagne zur Müllvermeidung, zum Schutz der Tier- und Pflanzenwelt und zur Akzeptanz der verschiedenen Nutzungszonen in den Isarauen.

 

Sie sind Mutter und Stadträtin. Was treibt Sie an und was motiviert Sie Oberbürgermeisterin zu werden? Welche primären Isarpläne haben Sie?

München ist für mich Herzensangelegenheit. Deswegen das klare Ziel: Ich will diese Stadt mit unseren grünen Ideen regieren und gestalten. München braucht einen klaren Zukunftsplan und mehr Zukunftsmut statt politischer Gegenwartsstarre.
Die Renaturierung der Isar möchte ich auf den Bereich zwischen der Praterinsel und dem Stauwehr Oberföhring ausweiten und damit die Ökologie des Flusssystems und die Qualität der Uferbereiche als Aufenthaltsraum erheblich verbessern. Neben der Isar wollen wir Grüne außerdem bestehende Bäche in München natürlicher gestalten und unterirdisch geführte Stadtbäche freilegen.

 

„Es ist ein großer Tag“, sagt Luxemburgs Minister François Bausch (Grüne). Damit führt das erste Land, den kostenlosen ÖPNV ein. Die Botschaft ist klar: Pendler sollen stärker als bisher auf ihr Auto verzichten. Somit wird in Luxemburg die Verkehrswende direkt umgesetzt. In Frankfurt streitet man sich über die Teilsperrung des Mainufers für Kraftfahrzeuge. Eine Entlastung findet sicher nicht statt, Verkehr wird nur umverteilt. Kann München die kostenfreie Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel realisieren? Macht das überhaupt Sinn? Ist das Autofahren bisher nicht sogar günstiger? Welche Möglichkeiten können wir noch nutzen, die Menschen in der Isar-Metropole zu motivieren, das Auto stehen zu lassen?

Wenn wir die Pariser Klimaziele einhalten wollen, dann müssen wir attraktive Alternativen zum Auto anbieten. Eine gute Verkehrspolitik in München bedeutet für mich: klimafreundliche, stressfreie Mobilität für alle und mehr öffentlicher Raum für die Menschen. Wir setzen uns seit vielen Jahren konsequent für ein leistungsfähiges und durchgängiges Radverkehrsnetz in München ein. Und wir wollen den ÖPNV in München massiv stärken: durch eine Erweiterung des U-Bahn-Netzes, eine Verdoppelung der Tram-Linien und einen Ausbau des Bus-Netzes sowie deren Beschleunigung durch die Einführung von gesonderten Busspuren. Um die Attraktivität der Öffentlichen Verkehrsmittel im Vergleich zum Auto zu erhöhen, fordern wir seit Langem eine kostenfreie Nutzung des ÖPNV für Kinder, Jugendliche, Studierende und Mobilitätseingeschränkte sowie ein 365-Euro-Ticket für alle. Der Höchstsatz für die Parkgebühren in München wurde seit 20 Jahren nicht erhöht, während sich der Preis einer MVV-Streifenkarte verdoppelt hat. Mit dieser einseitigen Bevorzugung des Autos müssen wir Schluss machen, wenn die Verkehrswende funktionieren soll.

 



 

Die Zahl der Fortbewegungsmittel mit Verbrennungsmotor in München geht rasant auf eine Million zu. Der Wunsch sich mit Hilfe elektrischer Energie fortzubewegen wächst stetig. Jedoch die Herstellung solcher Mittel, als auch die nötige Energie für den Akku benötigt noch Kohlekraft. Befinden wir uns da gerade in einer Großstadt in einer Sackgasse? Zumal die größte Emission, der Reifenabtrieb weiter bestehen bleibt und diese Mikroplastik in der Isar landet. München ist Hauptstadt der Mikroplastik im Fluss. Ob E oder Otto: SUVs tragen hier massiv dazu bei. Ein weiterer Punkt: Wenn alle am Abend ihre E-Fahrzeuge „auftanken“, würde unser momentanes Stromnetz zusammenbrechen, welches ja auch derzeit nicht ohne Kohlestrom machbar ist. Ihre Idee als Politikerin der Landeshauptstadt München?

Mobilität neu zu denken und besser zu organisieren ist eine zentrale Herausforderung für die Lebensqualität Münchens. Die Stadt soll nicht autogerecht sein – sondern menschengerecht. Ich stehe für eine konsequente Verkehrswende hin zu sicherer und ökologischer Mobilität für alle. Der Öffentliche Personennahverkehr ist elementarer Bestandteil einer funktionierenden Großstadt, ein gut ausgebautes, sicheres Radwegenetz im Sinne des Radentscheid München eine hervorragende Ergänzung. Der öffentliche Raum in München ist begrenzt. Kfz, ÖPNV, Radverkehr und Fußverkehr konkurrieren um Platz. Der vorhandene Platz muss deshalb effizient verteilt werden. Besonders flächeneffizient sind ÖPNV, Radverkehr und Fußverkehr. Diesen wird proportional zur Effizienz nicht genug Platz eingeräumt, dem Pkw-Verkehr dagegen zu viel. Um die Mobilität der Münchner/innen zu verbessern, müssen wir Flächengerechtigkeit herstellen. Von einer gut gemachten Verkehrswende, die viele Menschen zum freiwilligen Umstieg auf die Öffentlichen bewegt und damit die Dauerstaus auf den Straßen reduziert, profitieren am Ende auch diejenigen Bürger/innen, die aufs Auto angewiesen sind, z.B. Handwerker*innen oder Mobilitätseingeschränkte. Reifenabtrieb belastet die Isar stark mit Mikroplastik, deshalb hat unsere Fraktion die Stadtverwaltung aufgefordert, die Möglichkeit von Filtern in Gullys oder in Kläranlagen zu prüfen.

 

 

Tempo 30 auf allen Nebenstraßen. – Eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf den Autobahnen ist erst ein mal vom Tisch. Man würde ja nicht nur Emissionen verringern, sondern auch die wachsende Aggression im Straßenverkehr. Ein mit weniger Geschwindigkeit, harmonischem Zusammenleben auf allen Nebenstraßen in München würde auch die Forderung nach mehr Radlraum befriedigen, da sie damit überflüssig wird. Ist Tempo 30 in der Stadt aus Ihrer Sicht längst überfällig?

Ich finde Tempo 30 grundsätzlich gut, aber nur dort, wo es auch passt. Durch Tempo 30 verringert sich die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit kaum, da der Verkehrsfluss gleichmäßiger wird und Staus vermieden werden. Die Stadt hat sich zur Vision Zero bekannt, also dem Ziel, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu senken. Tempo 30 ist dafür ein wichtiger Baustein, denn durch eine Reduzierung des Fahrtempos reduziert sich laut Studien die Wahrscheinlichkeit, als Fußgänger ums Leben zu kommen. Hinzu kommt das Plus an Lebensqualität für die Stadtbewohner/innen: Die Lärm- und Abgasbelastung sinkt, hinzu kommt der reduzierte Kraftstoffverbrauch.

 

Die Renaturierung der Isar brachte einiges zurück. Natur und Erholungsraum für Münchner und seinen Gästen. Aber auch die Partykultur und der Dreck des Hohlzkohlegrills. In Anrainerstraßen am Flaucher bilden sich ganze Nebelschwaden. Der Geruch von Gas und diese Art der Umweltzerstörung ist für viele Anwohner nicht mehr akzeptabel. Grillen an der Isar ist aber auch eine soziale Komponente in unserer Gesellschaft, ein Treffpunkt für Jung und Alt. Welche Gedanken machen Sie sich? Wie kann man diesen Konflikt lösen?

Grillen am Flaucher ist ein Stück Münchner Lebensgefühl. Das will ich nicht verbieten, zumal es bereits heute nur in ausgewiesenen Zonen erlaubt ist. Diese Zonen müssen aber auch eingehalten und die Flora und Fauna konsequent geschützt werden. Allerdings sollte die Nachtruhe der Anwohner/innen ebenfalls berücksichtigt werden, zudem der Naturschutz. Zustände wie am Ballermann will ich an unserer Isar nicht. Wie bei so vielen Konflikten in einer dicht besiedelten Stadt gilt es, die Interessen auszutarieren – ganz nach dem Münchner Motto „Leben und leben lassen“.

 

Umweltschutz in der Stadt. – Wie muss dieser ganzheitlich ausschauen? Sollte nicht jeder mit mehr Eigenverantwortung gegenüber unseren Nachkommen handeln und nicht immer die Politik in die Pflicht nehmen zu wollen?

Ich bin der Meinung, dass die Politik viel mehr tun muss als bisher. Das Klimapaket der GroKo im Bund ist doch das Paradebeispiel für völliges Versagen beim Klima- und Umweltschutz. Wenn es die Politik nicht schafft, die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, wie soll man es dann von den Menschen verlangen? Glücklicherweise gibt es sehr viele Bürger/innen, die die Notwendigkeit zu handeln verstanden haben, ich denke da an die Fridays-Bewegungen, die wesentlich weiter sind als die Politik. Insofern müssen Politik und Bürger/innen Hand in Hand aktiv werden, um die Jahrhundert-Aufgabe Umwelt- und Klimaschutz zu bewältigen. Momentan sehe ich da hauptsächlich auf Seiten der Politik Nachholbedarf.

 

Rettet die Bienen! – Aber wie? Welche Möglichkeiten gibt es kurzfristig für eine Großstadt mit Fluss?

Wir müssen Naturschutzflächen und Biotope erhalten sowie der Unteren Naturschutzbehörde zusätzliche Befugnisse und Kapazitäten einräumen. Die bestehende Biotopvernetzung und bestehende Schutzgebiete wie Naturschutz-, Landschaftsschutz- und sogenannte FFH-Gebiete wollen wir ausbauen und für eine bessere Vernetzung der einzelnen Gebiete sorgen. Ich will zudem ökologisch hochwertige Flächen identifizieren, um sie als Tabuflächen von Versiegelung und Bebauung freizuhalten. Ich denke da z.B. an das Virginia-Depot im Norden der Stadt, eine der letzten verbliebenen Naturoasen in München mit einer einmaligen Artenvielfalt.

 

Ist eine hundertprozentige Versorgung der Menschen mit biologisch erzeugten Lebensmitteln für eine Millionenstadt umsetzbar? Und wenn ja, wie? Von wem müssten wichtige Initiativen ausgehen?

Ich will eine grüne Landwirtschaft, die sich an der Gesundheit der Menschen und dem Schutz unserer Umwelt ausrichtet. Darum müssen wir aus der industriellen Massentierhaltung aussteigen und die industrielle Landwirtschaft umbauen. Tierleid, Güllefluten, verschmutztes Wasser, zunehmend unfruchtbare Böden, Artensterben, Gift auf dem Acker und im Essen sind ihre Folgen. Die Agrarwende ist eine Aufgabe für die Bundesregierung. Aber auch in München können wir etwas tun, zum Beispiel den Anteil ökologischer und fair gehandelter Lebensmittel erhöhen und nur Fleisch aus artgerechter Tierhaltung in städtischen Kitas, Schulen und Kantinen anbieten. Außerdem will ich ein größeres und tägliches Angebot an vollwertigen vegetarischen und pflanzlichen Gerichten im städtischen Einflussbereich.

 



 

Beirat für Kunst und Kultur. – Sie wollen eine Art Runden Tisch initiieren, bei dem Kulturszene, Politik und Verwaltung kulturelle Stadtentwicklung plant, neue Räume erschließt und kulturelle Angebote auch außerhalb der Innenstadt schafft. Wie kann das Ihrer Meinung nach genau aussehen? Was macht eine Nachtbürgermeisterin? Wie entsteht diese Stelle? Hauptberuflich oder Ehrenamt?

Für uns Grüne gehören Sub-, Pop- und Clubkultur zu einer lebendigen Stadt. In München gibt es zu wenig alternative Angebote gerade für Jugendliche. Wir werden durch ein zweites jugendkulturelles Zentrum die Jugendkultur stärken. Die Club- und Nachtkultur erhalten und fördern wir durch einen hauptamtlichen Nachtbürgermeister, der vom Stadtrat bestellt wird und der als Vermittlungsinstanz zwischen Szene, Stadt und Anwohnenden wirken soll. Auch Schallschutzfonds können Frieden zwischen Clubs und Anwohnern stiften. Wir werden auch mehr legale Flächen und Möglichkeiten für Street Art schaffen.

 

Kurze FRAGE – Schnelle ANTWORT:

Bis zu welcher Wohlfühltemperatur heizen Sie bei sich zu Hause, im Büro? Haben Sie Innenthermometer?
Ein Pulli mehr ersetzt den Dreh am Heizungsregler, frieren will ich aber auch nicht. Ein Innenthermometer besitze ich nicht.

Recherche im Internet, welche Suchmaschine verwenden Sie?
Ecosia.

Wie viele Smartphones besitzen Sie?
Eines.

 


MEHR INFOS

Positionen der Grünen zu Kunst & Kultur in München
Die Grünen in München
Internetseite von Katrin Habenschaden

 


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